Der Lebensbaum
Während meiner LTA-Maßnahme bekamen wir die Aufgabe, unseren Lebensbaum zu gestalten – ganz egal, ob durch Basteln, Malen oder auf eine andere kreative Weise. Für mich gab es nur eine Entscheidung: Ich würde meinen Lebensbaum malen.
Also setzte ich mich hin und begann zu überlegen, wie dieser Baum aussehen sollte. Schnell war mir klar, dass alles mit den Wurzeln beginnen musste. Denn unsere Herkunft und die Erfahrungen unserer Kindheit bilden das Fundament unseres Lebens – genauso wie starke Wurzeln einem Baum Halt geben und verhindern, dass ihn schon die kleinste Böe aus dem Boden reißt.
Doch ich wollte mehr als nur Farbe auf eine Leinwand bringen. Wie schon bei einem früheren Bild entschied ich mich, Papier, Leim und Gips zu verwenden, um dem Baum eine dreidimensionale Tiefe zu verleihen. So entstand nicht nur ein Bild, sondern etwas, das ich anfassen konnte – fast so, als würde ich meinem eigenen Leben eine Form geben.
Im Mittelpunkt des Baumes befindet sich ein Herz. Es schlägt bis heute – trotz aller Höhen und Tiefen, trotz vieler Fehler und Eskapaden. Während ich den Baum gestaltete, stellte ich mir immer wieder die Frage: Was hat mich eigentlich zu manchen Entscheidungen geführt? Warum wurde ich zeitweise so exzessiv?
Eines möchte ich dabei vorwegnehmen: Dieser Text soll keine Anklage sein. Ich möchte niemandem die alleinige Schuld geben. Manche Dinge hätten vielleicht anders laufen können, andere waren für die Menschen damals vielleicht nicht anders möglich. Das Leben ist nicht immer gerecht und Menschen machen Fehler – genau wie ich selbst.
Einige Stationen meines Lebens habe ich mit kleinen Schildern in den Baum integriert. Während ich sie anbrachte, wurde dieses Bild immer mehr zu einer Therapie. Es zog mich zurück in meine Vergangenheit – zu Erinnerungen, die ich lange tief in mir verborgen hatte.
Ich dachte an die Gewalt in meiner Kindheit. An den zweiten Mann meiner Mutter, der nachts betrunken mein Zimmer betrat, mich weckte und das kleine Einmaleins abfragte. Wenn die Antwort nicht sofort kam, folgte oft eine Ohrfeige und der Satz: „Zu langsam.“ Danach ging er wieder. Manchmal hatte ich Glück und durfte weiterschlafen. Manchmal traf die Gewalt stattdessen meine Mutter. Sie hat immer versucht, mich zu beschützen. Aber auch sie konnte nicht alles verhindern.
Irgendwann wurde das Chaos in meinem Kopf zu groß. Ich begann zu rebellieren. Gleichzeitig verlor ich in der Schule immer mehr den Halt. Aussagen von Lehrern wie „Du bist nichts. Du kannst nichts. Aus dir wird nie etwas.“ hörte ich häufiger, als ein Kind jemals hören sollte.
Heute weiß ich auch, dass mein eigenes Verhalten vieles provoziert hat. Ich war kein einfaches Kind. Trotzdem braucht jedes Kind jemanden, der an es glaubt – gerade dann, wenn es sich selbst längst verloren hat.
All diese Erfahrungen führten dazu, dass mein Kopf und meine Seele Strategien entwickelten, um mich vor weiterem Schmerz zu schützen. Die Überzeugung, nicht gut genug zu sein, nichts wert zu sein oder niemals zu genügen, wurde zu einem ständigen Begleiter.
Um diese Stimmen zum Schweigen zu bringen, griff ich zu Drogen. Manchmal funktionierte das für einen kurzen Moment, meistens aber nicht. Die Probleme verschwanden nie – sie warteten nur darauf, wieder zurückzukehren.
Und trotzdem bin ich gewachsen.
Genau wie ein Baum.
Mein Stamm ist im Laufe der Jahre dicker geworden. Einige Äste sind abgebrochen. Andere mussten abgeschnitten werden, weil sie keine Kraft mehr hatten. Doch meine Krone beginnt heute in einem anderen Licht zu leuchten.
Denn ich habe erkannt, dass nicht unsere Kindheit und auch nicht unser Umfeld endgültig bestimmen, wer wir sind. Entscheidend ist, was wir aus dem machen, was uns widerfahren ist.
Unsere Wurzeln können wir nicht verändern. Sie gehören zu uns. Aber wir können entscheiden, wohin wir wachsen.
Wir können unser Leben lang darüber klagen, wie schwach unsere Wurzeln gewesen sind. Oder wir investieren unsere Kraft in die Krone – in den Menschen, der wir heute sein möchten.
Dann beginnt etwas Besonderes zu geschehen.
Unsere Krone spendet anderen Schatten. Sie wird zu einem Ort, an dem sich Vögel niederlassen, Tiere Schutz finden und neues Leben entsteht. Wir werden zu einem Menschen, der anderen Halt gibt, weil er selbst gelernt hat, wieder fest im Leben zu stehen.
Genau das bedeutet mein Lebensbaum für mich.
Er erzählt nicht die Geschichte meiner Verletzungen.
Er erzählt die Geschichte meines Wachstums.