Ich erinnere mich nicht mehr an das Datum.
Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war.
Aber ich erinnere mich an das Fenster.
Es wurde mein erster Ort der Hoffnung.
Als Kind glaubt man an Versprechen.
Nicht, weil man naiv ist.
Sondern weil man noch nicht gelernt hat, dass auch Erwachsene Dinge sagen können, die sie später nicht halten.
Mein Vater hatte versprochen, mich am Wochenende abzuholen.
Also wartete ich.
Ich stellte mich ans Fenster und beobachtete jede Bewegung auf der Straße.
Jedes Auto ließ mein Herz schneller schlagen.
Jeder Mann, der von Weitem zu sehen war, ließ mich hoffen.
"Vielleicht ist er das."
Doch jedes Auto fuhr weiter.
Jeder fremde Mann ging an unserem Haus vorbei.
Und mit jedem Augenblick wurde es stiller.
Nicht draußen.
In mir.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand.
Für Kinder vergeht Zeit anders.
Man zählt keine Minuten.
Man zählt Hoffnung.
Als es dunkel wurde, wusste ich, dass er nicht mehr kommen würde.
Ich habe geweint.
Nicht laut.
Eher so, wie Kinder weinen, die niemanden enttäuschen möchten.
Am nächsten Tag wurde ich krank.
Fieber.
Übelkeit.
Kopfschmerzen.
Damals wusste niemand, dass auch eine Seele Fieber bekommen kann.
Dieses Erlebnis wiederholte sich.
Nicht einmal.
Nicht zweimal.
Immer wieder.
Jedes neue Versprechen war wie ein neuer Anfang.
Und jedes Mal, wenn niemand kam, brach in mir etwas auseinander, das sich nicht sehen ließ.
Irgendwann saß ich nach einer solchen Enttäuschung draußen auf dem Bordstein vor unserem Haus.
Ich war noch ein Kind.
Ich schaute auf den Asphalt und stellte mir Fragen, auf die es keine Antworten gab.
"Warum reicht meine Liebe nicht aus?"
"Was habe ich falsch gemacht?"
"Warum möchte mein eigener Vater nicht bei mir sein?"
Kinder suchen die Schuld fast immer zuerst bei sich selbst.
Ich auch.
Neben mir lag eine kleine Glasscherbe.
Ich wusste, dass Menschen sich die Pulsadern aufschneiden konnten.
Woher ich das wusste, weiß ich heute nicht mehr.
Vielleicht aus dem Fernsehen.
Vielleicht hatte ich es irgendwo aufgeschnappt.
Ich nahm die Scherbe in die Hand.
Aber ich konnte sie mir nicht an das Handgelenk setzen.
Stattdessen zog ich sie vorsichtig über die Außenseite meines Unterarms.
Nur so tief, dass ein wenig Blut zu sehen war.
Nicht, um zu sterben.
Sondern weil dieser kleine Schmerz für einen Moment lauter war als der Schmerz in meinem Inneren.
Heute weiß ich, dass kein Kind so fühlen sollte.
Damals wusste ich nur, dass ich nicht verstand, warum ich so sehr auf jemanden wartete, der nie kam.
Viele Jahre habe ich geglaubt, diese Geschichte handele von meinem Vater.
Heute glaube ich etwas anderes.
Ich glaube, sie handelt von einem kleinen Jungen, der verzweifelt versuchte zu verstehen, warum er sich nicht liebenswert fühlte.
Und vielleicht...
...sitzt irgendwo gerade ein Mensch und liest diese Zeilen.
Vielleicht war es bei dir nicht dein Vater.
Vielleicht war es deine Mutter.
Vielleicht ein Freund.
Vielleicht jemand, den du geliebt hast.
Vielleicht wartest du noch heute auf jemanden, der längst aufgehört hat zu kommen.
Falls das so ist...
...dann möchte ich dir etwas sagen, das ich dem kleinen Jungen von damals gern gesagt hätte.
Du wartest nicht, weil mit dir etwas nicht stimmt.
Du wartest, weil Kinder ihren Eltern glauben.
Und wenn Erwachsene ihre Versprechen brechen, ist das niemals die Schuld des Kindes.
Ich hätte diesen Jungen damals gern in den Arm genommen.
Heute kann ich das nicht mehr.
Aber vielleicht kann ich mit diesen Worten einen anderen Menschen erreichen, der sich noch immer fragt, warum er nicht genügt.
Denn die Wahrheit ist:
Manche Menschen verlassen uns.
Das bedeutet nicht, dass wir es nicht wert waren, geliebt zu werden.